Ralf Kistner









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Fahrtest mit der


Yamaha YZF R 1



Text: Ralf Kistner
Fotos: Ralf Kistner, Gitte Schöllhorn

Die R1 ist seit ihrem ersten Auftritt auf dem Motorradmarkt der Inbegriff eines rennstreckentauglichen Sportgerätes. Die erste Version machte sich einen Namen mit einem Motor, der mit plötzlich vehement einsetzender Leistung so manchem PS-Junkie die Grinsfalten regelrecht ins Gesicht meißelte.

Test und Vergleiche bescherten der R1 immer die vordersten Plätze. In diesem Jahr wurden die Karten jedoch in der Sparte der Superrenner neu gemischt, denn die Mitbewerber um die Käufergunst kamen ebenfalls komplett überarbeitet auf den Markt.

Meine Testmaschine wurde mir dankenswerterweise von der Fa. Bike & Motorwelt in Monheim zur Verfügung gestellt. Dort kann sie, wie alle anderen Yamahamodelle und einer ganzen Masse Quads, bestaunt und Probe gefahren werden. Herr Schindel betonte, dass die Verkaufszahlen im späten Frühjahr für die neu R 1 seine eigenen Erwartungen übertrafen.

Sie sieht richtig zart aus, als ich neben ihr stehe und mir von Herrn Schindel die Funktionen erklären lasse. Dabei berichtet er mir von einer Testfahrt mit der neuen R1, auf der er eine Strecke, die er mit einer getunten 2002er R1 bereits fuhr, deutlich schneller zurücklegen konnte. Was auch immer sein Grinsen dabei bedeuten sollte ….

Die R1 in Blau - für mich ein klassisches R1-Design. Ich nehme auf ihr Platz, wozu ich meinen Allerwertesten aufgrund der sportlichen Sitzposition kaum absenken muss. Erstaunlich die angenehme Lenkerhaltung, für die ich mich im Vergleich zu anderen Bikes dieser Klasse kaum zusammenfalten muss. Logischerweise ist die Sitzhaltung eindeutig vorderradorientiert, aber nicht mit solch starken Faltwinkeln an Knie und Bauch.

Der Motor raunt im Leerlauf mit sonorem Heckpipesound vor sich hin. Dieses Soundvolumen ist eine echte Wohltat und verspricht schon im Stand einen hohen Genussfaktor für die Überlandtiefflüge.

Mir laufen nochmals Zahlen und Stichworte über Veränderungen vor dem geistigen Auge ab. Leistungsgewicht 1 : 1 (172 PS bei 172 kg trocken) - mit Ram-Air-System und passendem Staudruck ganze 180 PS. Wie bringt man dieses Potenzial in einer Serien-1000er unter? Man muss sich die Drehzahlen auf der Zunge zergehen lassen, denn hier bricht die R1 in 600er Regionen ein. Der rote Bereich beginnt bei knapp 13800 U/min. 172 PS liegen bei 12500 U/min an. Das max. Drehmoment von 103 NM wird bei 10500 U/min erreicht.

Yamaha verkürzte den Hub um ganze 4,4 mm. Eine neue Einspritzanlage mit nun zwei Drosselklappen zeichnet verantwortlich für ausreichende Zylinderbefüllung. Die Ventile wurden steiler verbaut. Gewicht sparte man vor allem an beweglichen Massen. Das ist das Rezept für hohe Drehzahlen mit prachtvoller Drehfreudigkeit. Und dem kommt die R1 vollkommen nach. Wer Drehzahlen liebt, wird in der neuen R 1 sicherlich das finden, was er in der 600er Klasse bisher schmerzlich vermisste: satte reifenmordende Leistung!

Um die Kraft auf die Straße zu bringen und auf schneller Fahrt nicht den Bodenkontakt zu verlieren, konstruierte man ein neues Fahrwerk. Der Brückenrahmen verläuft über dem Motor und verspricht wesentlich mehr Torsionssteifheit. Eine 43er USD-Gabel übernimmt das Führen des Vorderrades. Die neu entworfene Schwinge mit Unterzug soll das Hinterrad am Boden festsaugen lassen. Unterstützung verspricht der neue und serienmäßig verbaute Michelin Pilot Power, der auf ebenfalls neu entwickelten und leichteren Fünfspeichenfelgen montiert ist.

Und dann geht es los. Schönes, trockenes Wetter. Nicht zu heiß, gerade richtig, um ohne Schweißausbrüche unter der Kleidung einer flotten Linie zu folgen. Das Instrumentarium informiert mit fein gestyltem Drehzahlmesser und seitlich davon sitzenden LCD-Displays über die notwendigsten Daten. Und ich weiß, dass ich mich wohl nie an einen Digitaltacho gewöhnen werde (oder möchte). Ein einstellbarer Schaltblitz fordert im Rennstress zum rechtzeitigen Hochschalten auf. Wir stellten ihn auf 12000 U/min ein. Ich dachte, das wird reichen, da ich eigentlich kein Drehzahljunkie bin.

Auf der Strecke bin ich zuerst mal enttäuscht über die Leistungsabgabe unter 5000 U/min. Da fehlt mir was. Eine ZX 10 R kommt da schon beträchtlich saftiger aus den Puschen. Mir liegt es schon immer mehr, wenn schon aus dem Keller Aussicht auf Leistung ist. Nicht, dass die R 1 da langsam ist. Um Gottes Willen - nein. Nur habe ich mir einen anderen Antritt erwartet. Ein Blick auf den Drehzahlmesser erinnert mich wieder an die Leistungswerte. Und ich möchte die R 1 ja richtig laufen lassen. Also Drehzahl aufnehmen. Und siehe da, ab 8000 U/min rasselt es mächtig im Karton. Die YZF beginnt nach vorne zu schießen. Die 10000er Marke wird genau wie die Straße im Tiefflug genommen. Ich muss alle Sinne zusammenhalten, um nicht in blinder Euphorie aus der nächsten heranstürmenden Kurve katapultiert zu werden. Hey, was war das denn? Schaltblitz - hochschalten - Vorschub. Wowww. Ich programmiere den Schaltblitz auf 13800 U/min. Das bockt jetzt richtig.
Nochmal zum Mitschreiben. Auf der nächsten Geraden ziehe ich das Gas nun langsamer auf und spüre die Momente, in denen die Y'pse vom Beschleunigungs- in den Katapultierzustand übergeht.
Die R 1 ist eben ein echtes Sportgerät und benötigt etwas mehr Drehzahl als ihre Mitbewerber. Sie geht massiv ans Werk und überzeugt in jeder Drehzahl jenseits der 5000er Marke mit Leistung satt und einem Vorschub, der mir durch die physikalische Trägheit die Mundwinkel nach hinten schiebt. Ich kann gar nicht anders als ständig grinsen.

Die Übersetzung wurde insgesamt sehr lang gewählt. An einen ungewöhnlich lang übersetzten ersten Gang knüpfen eng aneinander liegende Folgegänge. Immerhin hatte ich im ersten Gang bei 14000 U/min am Begrenzer exakt 167 km/h auf dem Tacho stehen. Im Zweiten waren es stolze 199. Mit dieser Philosophie geht Yamaha sicherlich einen eigenen Weg und unterstreicht nochmals die Kompromisslosigkeit in Sachen Sport.

Bei allem Leistungstesten vergesse ich fast, meinen Blick für das Fahrwerk zu schärfen. Ich sitze auf der R1 und fliege wie selbstverständlich durch die Landschaft. Selbst auf geflicktem Untergrund kann die R1 nicht aus der Bahn gebracht werden. Stoisch verfolgt sie meine vorgegebene Linie und lässt mich in atemberaubende Geschwindigkeitsregionen mit Adrenalin fördernden Schräglagen vordringen. Sie erfordert hier Nachdruck, jedoch in einem kräfteschonenden Maß. Unter 200 km/h erreicht sie in dieser Klasse fast die beste Handlingsleichtigkeit. Beeindruckend, wie sie sich schnell und zielgenau in Kurvenkombinationen hin- und herwerfen lässt. Ich habe manchmal das Gefühl, sie fällt von alleine in die Kurve. Sicher auch ein Verdienst der Michelin-Pneus, die mit der R1 wunderbar harmonieren.
Beim kräftigen Herausbeschleunigen aus Kurven in den unteren Gängen ist kaum eine Fahrwerksunruhe zu verzeichnen. Und wird das Vorderrad leicht, erinnert ein leichtes Lenkerzucken an den momentanen Zustand. Ein serienmäßiger Lenkungsdämpfer verhindert Schlimmeres und schafft auch hier Ruhe im Fahrwerk. So vermittelt das Gesamtkonzept ein hohes Maß an Sicherheit und Vertrauen ins Gerät.

Auf längerer Strecke freut man sich über die komfortablen Schluckqualitäten des Fahrwerkes. Feine Unebenheiten eliminieren die Federelemente fast vollständig. Man hat eine saubere Rückmeldung und muss nicht wie bei anderen Sportmaschinen jede feine Unebenheit registrieren. Die Handgelenke danken es nach einem ganzen Nachmittag streetsurfen.

Die Bremsen sind R1-typisch mit das Beste, was an Seriensportlern verbaut wird. Eine Brembo-Radialpumpe mit radial verbauten Vierkolbensätteln sorgen für beste Verzögerungswerte in allen Situationen. Auch im heißen Zustand sind die Stopper immer noch in der Lage, die Yamaha so zu verzögern, dass man meinen könnte, sie würde Rillen in die Fahrbahn fräsen. Dabei lassen sie sich mit sauberem Druckpunkt wunderbar dosieren.

Und wenn die Tour mal länger dauert und die Dunkelheit hereinbricht, ist das kein Grund, mit der Y'pse fast blind herumzueiern. Die beiden Abblendscheinwerfer leuchten die Fahrbahn gleichmäßig und hell aus. Und für kalte Tage ist eine Sitzheizung für die Sozia inklusive. Das Sitzpolster heizt sich durch die knapp darunter verlegte Auspuffanlage ganz schön auf. Aber mal ehrlich: Wer möchte eine solche Spaßsemmel schon zu zweit fahren? Vielleicht zur Eisdiele und wieder zurück. Bei mehr gibt es sowieso schnell Mecker von hinten.



Fazit:

Eine R 1 bleibt eine R 1. Auch die aktuelle Version ist ein Sportgerät in Reinkultur, obgleich sie ebenfalls im Alltag überzeugen kann. Sie kann jede Gangart. Besonders aber die flotte jenseits der Radargrenze. Der leistungsstarke Motor mit üppigem Soundteppich ist für mich das i-Tüpferl. Seine Kraft lässt sich wunderbar dosieren. Seine Drehfreude schafft Emotionen. Die Yamaha YZF-R1 hat fahrwerksmäßig beste Anlagen, um die Bodenhaftung nicht zu verlieren.

Schade, dass ich sie nicht auf der Rennstrecke fahren konnte …  


Und noch ein paar Bilder ...