Ralf Kistner









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Fahrwerkstuning für ältere Motorräder


Text: Ralf Kistner
Fotos: Ralf Kistner, Gitte Schöllhorn

Überall tauchen sie auf und werden von ihren Eignern gepflegt oder neu aufgebaut. Sie sind oft ein Stück des persönlichen Inventars geworden oder dienen als günstige Einsteigerobjekte für Führerscheinneulinge, die in die erste Maschine noch nicht so viel Geld investieren wollen. Sie gelten als betagt und sind die Ahnen der heutigen Topmodelle. Genau wie heute erregten sie bei ihrer Neuvorstellung die einen oder anderen Gemüter der Bikerszene. Sie sind mindestens 10 Jahre alt und haben allesamt ihre modellspezifischen Eigenarten. Vielleicht strahlen sie auch deswegen mehr Charakter aus. Vielleicht werden sie gerade deswegen noch immer gefahren und liebevoll in Stand gehalten, manche mit mehr oder sinnvollen Extras versehen, die das Biken angenehmer gestalten können, wobei dem Fahrwerk dabei vergleichsweise wenig Beachtung geschenkt wird.

In Gesprächen konnte ich dafür vor allem zwei Hauptgründe eruieren:

- Man ist eh nicht so unterwegs, dass man das Fahrwerk an die Grenzen bringt.
- Außerdem ist das Mopped eh alt, und da darf es schon mal durchschlagende Federbeine oder eine beim   Bremsen auf Block gehende Gabel haben.
- Es ist vielen einfach nicht so wichtig.

Beide Parteien waren in den Gesprächen jedoch äußerst hellhörig, als ich von meinem Fahrwerks-Umbau an meiner VFR 750 F, Modelljahr 1989, und dessen Auswirkung auf das Fahrverhalten berichtete.

Es geht mir hier nicht darum, für einen Hersteller von Feder- und Dämpfungselementen zu werben. Wer sich dafür interessiert, wird die meisten Hersteller sowieso kennen. Es geht mir auch nicht darum, allen VFR-Treibern diesen Umbau anzuraten. Es geht mir darum, auf die Möglichkeit hinzuweisen, sein altes Motorrad im Fahrverhalten durch einen mehr oder weniger umfangreichen Umbau aufzuwerten und dadurch ein klares Plus an Sicherheit und vor allem Komfort zu erhalten.

Meine 15 Jahre alte VFR war bekannterweise eigentlich mit einem guten Fahrwerk ausgestattet. Ich hatte jedoch schon mit einigen meiner ehemaligen betagteren Moppeds die Erfahrung gemacht, dass der relativ kostengünstige Austausch der meist grenzenlos weichen Gabelfeder gegen progressive Gabelfedern z.B. von Wirth, Wilbers, White Power, etc. bereits ein deutliches Plus an Fahrstabilität bedeuteten. Progressiv bedeutet, dass die Federhärte beim Einfedern stetig zunimmt. Es heißt aber auch, dass das Einfederlosbrechmoment sich verringert und somit schon sehr feine Unebenheiten "geschluckt" werden.

Die meisten älteren Motorräder sind auch im Heckbereich bei stärkeren Beanspruchungen überfordert. So kann es aufgrund einer zu schlappen Feder oder einer Unterdämpfung zu häufigem Durchschlagen und instabilem Fahrverhalten in Kurven kommen. Die Pendelneigung tritt eindeutig in Erscheinung. Hier schaffen die Federbeine aus den Zubehörregalen namhafter Hersteller wie Öhlins, White Power, Wilbers, Hagon, Koni, etc. oft wirksame Abhilfe. Jedoch sind die Anschaffungen der Federbeine oft mit größeren Geldausgaben verbunden.

Das "eigentlich gute" Fahrwerk der VFR hatte einige Mängel, die ich durch einen Fahrwerksumbau beseitigen wollte. Sie war im Normalbetrieb schon sicher zu bewegen. Ließ ich es jedoch etwas sportlicher und der Maschine angemessener laufen, versetzten Bodenunebenheiten die VFR in satten Schräglagen in Unruhe um die Längsachse. Sie neigte eindeutig zum Pendeln. Beim Herausbeschleunigen pumpte sie am Hinterrad aufgrund des unterdämpften Federbeins. In schnellen Autobahnkurven so um die 200 km/h und darüber pendelte sie beim Durchfahren von langen Bodenwellen und beruhigte sich eher langsam. Alles in allem waren es durchweg Fahrsituationen, die ich häufig erlebte und die als Sicherheitsmanko einstufte. Schließlich sollte das Fahrwerk zur Leistung und den Geschwindigkeitsmöglichkeiten eines Fahrzeuges passen.
Nachdem ich das Lenkkopflager auf korrekte Funktionalität überprüft hatte, war klar, dass die Unruhen vom Fahrwerk ausgehen mussten und somit der Umbau anstand. Ich entschied mich für Federelemente von Wilbers.

Vorne kamen die progressiven Gabelfedern und das von Wilbers empfohlene Gabelöl zum Einsatz. Hinten bestellte ich mir das Federbein mit dem Ausgleichsbehälter am Schlauch und der mit Handrad hydraulisch verstellbaren Federvorspannung. Auf das Handrad wollte ich ebenfalls aus Sicherheitserwägungen nicht verzichten. Schließlich soll die Federvorspannung dem Beladungszustand angemessen sein. Das bedeutet, dass ich im Solobetrieb eine andere Einstellung benötige als im Soziusbetrieb oder mit Koffern und Sozia. Und jeder kennt das Problem, wenn mit viel Aufwand die Federvorspannung mit den zwei Hakenschlüsseln erledigt werden muss. Man lässt es meist einfach und fährt mit einer Wald- und Wieseneinstellung, die immer irgendwie, aber nie genau richtig passt. Das wollte ich vermeiden. Schließlich kostet das Federbein ordentlich Geld. Und das möchte ich dann auch richtig ausnutzen und dem Federbein in jedem Zustand das Optimum abverlangen. Deshalb das Handrad, das übrigens an der alten VFR seit 1986 bereits mit dem Originalfederbein verbaut wurde und somit keine bajuwarische Erfindung darstellt.


Die Montage

Der Umbau gestaltete sich an der Gabel einfach. Letztlich wurde das Dämpferöl abgelassen, die oberen Verschlusskappen bei entlasteter Gabel entnommen und die Distanzhülse und die alten Federn entfernt. Die neuen Federn flutschten ohne Distanzhülsen in die Holme. Das Gabelöl wurde bis zur in der Anleitung angegebenen Füllhöhe eingefüllt. Dann ein paar Mal l a n g s a m ein- und ausfedern, um die Dämpfungselemente zu entlüften. Verschlusskappen drauf, noch ein paar Mal ein- und ausfedern. Fertig.

Hinten ist die Operation schon aufwändiger gewesen. In Tom's Garage in Oettingen im Ries war jedoch auch dies kein Problem. Tom ist für Motorräder ein echter Spezialist, sodass der eigentliche Federbeinumbau hinten gerade Mal 30 Minuten dauerte. Das Mopped hängten wir an zwei Gurte und entlasteten damit die Schwinge. Das demontierte Federbein entnahmen wir nach unten.
Mit etwas Feingefühl und Kreativität fädelten wir das Wilbers-Federbein mitsamt den beiden Schläuchen für Federverstellung und Ausgleichsbehälter ein. Die Schläuche waren genau so lang, dass sie an die dafür vorgesehenen Stellen am Rahmenheck mittels Schlauchschellen und Gummis befestigt werden konnten. Ein Lob hier an Wilbers, die die Montage wirklich wunderbar durchdacht und beschrieben hatten.


Fahreindrücke


Wenn man bei Wilbers ein Federbein bestellt, muss man Angaben machen zum Körpergewicht, zum Einsatzzweck (solo, mit Gepäck, …) und zum Fahrstil. Darauf wird das bestellte Federbein nach den bei Wilbers vorliegenden Parametern und Erfahrungswerten abgestimmt. Das bedeutet, dass jeder sein für sein Mopped und seine Fahrzwecke abgestimmtes Federbein bekommt. Ich war sehr gespannt auf diese Einstellungen und begab mich nach dem Umbau sofort auf die Piste.

Mein erster Eindruck war ein sehr sportlich anmutendes Fahrwerk, das mir jede feinste Unebenheit zurückmeldete, wobei Bug und Heck unterschiedlich arbeiteten. Vorne wirkte alles komfortabler.

Ich notierte mir die Werkseinstellung am Federbein, das ich wie bereits beschrieben mit dem Handrad in der Federvorspannung, 22-fach in der Zugstufe und jeweils 22-fach in zwei unterschiedlichen Druckstufen einstellen kann. Ganz schön unübersichtlich. Und das Prinzip mit der doppelten Druckstufe muss auch erst verstanden werden. Es geht dabei um unterschiedliche Einfedergeschwindigkeiten. So ist die Einfedergeschwindigkeit bei kleinen Unebenheiten eine andere als bei tiefen Bodenwellen. Diese zwei Bereiche können unabhängig voneinander eingestellt werden.

Die Werkseinstellung war mir eindeutig zu hart. Gleiche Erfahrungen berichteten mehrere Biker mit total unterschiedlichen Motorrädern (BMW GS, Honda Fireblade, …). Ich begab mich mit meinem Zettel mit den Fahrwerksnotizen auf ein Stück meiner Hausstrecke und begann mit diversen Einstellungen zu probieren - immer auf dem gleichen Streckenstück der besseren Vergleichbarkeit wegen. Jede Änderung wurde notiert. Das Verändern gestaltete sich als einfach, da der am Schlauch montierte Ausgleichsbehälter sowie das Handrad leicht zugänglich waren. Das Rändelrad für die Zugstufe lies sich etwas schwerer erreichen, was jedoch auch kein Problem darstellte. Schließlich fand ich meine Einstellung, die die anfängliche Bockigkeit im Fahrbetrieb vollkommen eliminierte und meine VFR nun dank der doppelten Druckstufe wesentlich komfortabler als mit dem alten Federbein machte. Dabei öffnete ich beide Druckstufen bis auf drei Klicks. Werkseinstellung waren 11 und 12 Klicks. Ebenso stellte ich die Feder ca. ein Drittel weicher.



Vorder- und Hinterbau passten nun optimal zusammen. Feine Unebenheiten bügelte die VFR fast vollständig glatt. Größere Unebenheiten dämpfte sie optimal aus. Auch mit Sozia konnte ich nun die alte Maschine ähnlich flott wie im Solobetrieb bewegen, ohne dass zusätzliche Unruhen ins Fahrwerk kamen. Kein Nachfedern mehr, keine Unterdämpfung mehr. Beim Einbremsen blieb vorne mehr Federweg und somit Sicherheitsreserve.

Für die flotte Linie, die mich ehrlich gesagt am meisten interessierte, waren riesige Sicherheitsreserven vorhanden. Die langen Autobahnkurven ab 200 km/h mit Bodenwellen und Querfugen ließen nun meine VFR vollkommen kalt. Keine zusätzlichen Pendel- oder Nachwippbewegungen auch mit Koffer. Sie zog stoisch wie eine aktuelle Maschine ihre Bahn. Auf der Landstraße dritter Ordnung mit massiven Flickschustereien, wo sie vorher bei flottem Tempo wie ein Känguru drübereierte, hielt sie nun ihre Spur klar und eindeutig. Kein Wegspringen in maximaler Schräglage, wenn Flicken und Wellen in der Kurve auftauchten. Ich hatte den Eindruck gewonnen, dass sie mehr am Belag klebte als vorher.


Fazit:

Auch wenn der Umbau in der von mir gewählten Variante mit ca. 900.- Euro sehr kostspielig ausfiel, bereute ich diese Ausgabe nicht. Schließlich erhielt ich dadurch ein Motorrad, das in Sachen Komfort, Stabilität und vor allem Sicherheit eindeutige Verbesserungen erfuhr. Der Aufwand war es mir wert.

Wer verständlicherweise nicht so viel Geld in sein altes Motorrad investieren möchte, muss ja nicht das Federbein-Topmodell nehmen. Auch kostengünstigere Federbeinvarianten bzw. schon der Austausch der Gabelfedern bringen eindeutige Verbesserungen im Fahrverhalten der guten alten Stücke.