Ralf Kistner

Big Sachs

Fahrbericht mit der Sachs Roadster 800

Nun haben wir ja lange genug darauf gewartet. Weit über ein Jahr war sie angekündigt worden, die große Roadster aus Nürnberg. Ich freute mich auch schon auf das gute Stück, nachdem ich die "kleine" Roadster schon letztes Jahr im Frühjahr testen konnte. Die machte richtig Spaß.

Sachs Roadster 800: Klicken zum VergrößernMich interessierte, ob die "große" nun durch ihr Leistungsplus noch eins draufsetzen kann. Andreas Schilling in Wilburgstetten stellte mir die fränkische Lady in Black dankenswerterweise zur Verfügung. Schön blitzt sie da in der Sonne stehend mit ihrem reichlich angelegten Chrom zu mir rüber. Gerade so, als ob sie mich zu einem Frankenturn einladen will. Leider herrschen Temperaturen unter dem Gefrierpunkt, so dass der Fahrspaß von vornrein eingeschränkt zu sein scheint.

Der Kaltstart verläuft einigermaßen glatt. Sie stottert etwas, nimmt dann aber schnell das Gas an. Der Choke muss länger, als ich es von anderen Bikes gewohnt bin, seinen Dienst leisten. Nach kurzer Warmlaufphase fühle ich dem sanft vibrierenden V-Twin auf den Zahn. Ab knapp 2000 Umin läuft er bei Last rund. Drunter schüttelt er und gibt mit mittelprächtigem Ruckeln seinen Unwillen über Arbeitsdienst in diesem Drehzahlbereich preis. Die Gasannahme erfolgt spontan und willig. Wer auf heftigen Leistungseinsatz wartet, wird jedoch enttäuscht werden. Der sanftmütige Twin hat ab ca. 2800 Umin bis kurz vor dem roten Bereich jedoch immer Druck parat und drängt nach vorne. Hohe Drehzahlen sind nicht notwendig. Frühes Schalten und flottes Kurvenwedeln im 5. Gang lassen schnell Cruisergefühle aufkommen. Der Sound passt auch dazu. Wen wundert's? Das Aggregat stammt schließlich aus der 800er Intruder von Suzuki.

Wie bei der 650er Sachs den Single lassen die Nürnberger das Doppelherz der Roadster aus Fernost von Suzuki einfliegen. Bei der großen Sachs wird Motor samt Kardanantrieb komplett verbaut. Eine gute Wahl, wie ich finde. Schon in der agilen VX 800, die dem Layout der Roadster eher ähnelt, konnte der Motor durch Kraft und Standfestigkeit überzeugen. Das Triebwerk ist zwar in die Jahre gekommen, aber warum soll man Bewährtes nicht weiter verwenden, geschweige denn auch in ein neues deutsches Motorrad übernehmen?

Die Roadster bringt aufgetankt 228 kg auf die Waage. Etwas viel, wie ich finde. Ich erwarte eigentlich eher ein Leichtgewicht ähnlich der kleinen Schwester aus gleichem Hause. So verwundert es auch nicht, dass die Motorleistung von 58 Pferden keine Wunder vollbringen kann in Sachen Beschleunigung und Vortrieb. Dennoch, mit der Big Roadster kann man sich flott vor allem über kleine, stark gewundene Landsträßlein bewegen. Der Vortrieb reicht satt aus, um echten Spaß an der Sache haben zu können. Komfortabel wirkt die in allen Drehzahlbereichen vorzügliche Laufruhe des V-Twins. Nur sanft lässt er mich seine Vzwo-Eigenschaften spüren. Störende Vibrationen oder ähnliche motorseitige Unarten kann ich nicht feststellen.

Klicken zum VergrößernWer mit der Roadster echt sportlich unterwegs sein mag, kann sich voll und ganz auf das Fahrwerk verlassen. Hat man sich mit der gezügelten Motorleistung abgefunden, ändert man automatisch seinen Fahrstil in die Richtung, dass man versucht, mehr Geschwindigkeit mit in die Kurven zu nehmen. Und nun wird man den wahren Charakter der Big Sachs entdecken. Spurstabil, mit leichtem Hang zum Hochgeschwindigkeitspendeln, überzeugt die Maschine mit einem Handling, das man eher bei kleinen 250er Maschinen vermuten würde.

Klicken zum Vergrößern: Upside-Down mit BremseDer Doppelschleifen-Rohrrahmen mit Upside-Down vorne und Zweiarmschwinge hinten vermittelten Sicherheit und Vertrauen. Ich habe das Gefühl, dass die Sachs schon beim bloßen Gedanken ans Kurvenfahren beginnt, einzulenken und nach Schräglage zu fordern. Die Einlenkaktionen gehen kinderleicht vonstatten. Schräglagen werden zum Suchtfaktor. Und die Black Lady verzeiht mir alles. So sind Geschwindigkeitskorrekturen nach unten in zu schnell angefahrenen Biegungen ohne Aufstellmoment oder adrenalinfördernde Fahrwerksunruhen einfach und unkompliziert zu bewerkstelligen. Linienwechsel oder Ausweichmanöver in satten Schräglagen scheinen einprogrammiert und zu ihrem Standardrepertoire zu gehören. Das ist wirklich erste Sahne.

Unruhe kommt allenfalls durch die breite Lenkerhaltung bei höheren Geschwindigkeiten ins Fahrwerk. Ähnlich dem Endurofahren fängt der Fahrer in der Schulterzone so viel Wind auf, dass jede kleine Verwirbelung an Arm oder Schulter direkt über den breiten Lenker in eine “Lenkerkorrektur” umgesetzt wird. Zudem habe ich das Gefühl, dass meine aufrechte und breite Sitzhaltung bei höheren Geschwindigkeiten, bedingt durch den Fahrtwind, das Vorderrad übermäßig entlastet, wodurch sicherlich das Pendeln verursacht wird. Ich denke, dass ein dezenter Windschutz und ein etwas schmalerer Lenker effektiv für Abhilfe sorgen können.

Dämpfer mit Kardan Das Fahrwerk wirkt auf unebener Strecke sportlich straff. Feine Unebenheiten teilt es direkt ans Popometer mit, grobe schluckt es sanft weg. Damit kann ich gut leben. Unpassend zum Leistungspotential der Big-Sachs-Machine im positiven Sinne präsentiert sich die Wirkung und Dimensionierung der Bremsen. Vorne verbeißen sich 2 Vierkolbensättel von Grimeca in die 320er Doppelscheibe, hinten gehts konventionell trommelnd - mit mehr als ausreichender Wirkung - zur Sache. Auffällig auch an dieser Sachs die optische Hervorhebung der Bremszangen. Geschmackssache, wie ich finde. Tatsache ist, dass sie sich bei Bedarf mit satter Kraft in die schwimmend gelagerten Scheiben verbeißen. Zwei Finger reichen stets für jegliche Art von Verzögerung aus. Vorne wie hinten vermitteln die Stopper durch klare Druckpunkte, ab wann es wohldosiert, aber kräftig zur Sache gehen kann. Klasse, kann ich da nur vermerken.

Bei Ausstattung und Sitzhaltung bin ich hin und her gerissen. Mit meinen 182 cm Körpergröße habe ich den Eindruck, die Maschine sei für Menschen erst ab dieser Größenkategorie aufwärts gebaut worden. Kleinere Biker werden sicherlich den breiten und recht weit vorn positionierten Lenker auf Dauer als anstrengend empfinden - oder aus dem Zubehör ein komfortableres Lenkrohr montieren. Mir passt die Sitzposition wie angegossen. Angenehm auch das Sitzpolster, das straff geschäumt lange Touren zu vertragen scheint und des Bikers Podex von der unverträglichen Härte der Sitzschale dauerhaft fernhalten kann.

In punkto Ausstattung bietet die Sachs stahlummantelte Bremsleitungen genauso serienmäßig wie die verstellbaren Hebeleien - und Chrom in Hülle und Fülle. Andererseits vermisse ich einen Hauptständer, den es nur als Zubehör zu geben scheint. Für mich unverständlich, da es zum Konzept der Maschine zu gehören scheint, dass auch größere Touren mit ihr abgeKlicken zum Vergrößern: die Instrumentespult werden sollen, wird für sie doch gleich noch Kofferset und Topcase angeboten. Mir ist es ehrlich gesagt lieber, eine voll bepackte Maschine auf den Hauptständer zu stellen. Es ist für mich wirklich nicht nachvollziehbar, warum in dieser Preisklasse daran oder auch an simplen Gepäckhaken gespart wurde. Ebenso wünschte ich mir in den klassisch schönen Instrumenten eine kleine Zeituhr.

Auf die Tankanzeige kann ich getrost verzichten, da die Sachsmonteure einen einfachen Benzinhahn verbauten, der mit altbewährter Reservestellung bei 3 Liter explosiver Reservemenge zum Tanken auffordert. Aber das ist alles Geschmackssache. Der eine braucht’s, der andere nicht.

Schwierigkeiten bekommt ein potentieller Reisender, wenn er einen Tankrucksack montieren möchte. Der Tank ist aus Kunststoff. Magnet ist also nicht. Und für die Riemen muss man sich zwischen Tank und hinterem Zylinder einen Weg bahnen. Einfallsreichum des Nutzers ist gefragt! Aber das sind Peanuts.

Sachs Roadster 800 Totale vorne linksDas Motorrad ist insgesamt gelungen und vor allem, wie ich finde, mit einem wunderbarem Design. Ein Motorrad wie aus dem Bilderbuch. Ich weiß, auch - oder vor allem - das ist Geschmacksache. Ich finde das stylistische Gesamtkonzept gelungen. Unverhüllt und mit gezielt eingesetzten Chromapplikationen, Speichenrädern und 2 kurzen Endrohren vermittelt die Big Sachs sportliche Eleganz. Sie wirkt massiv, stabil - und sie lädt schon vom Hinsehen zum Wedeln ein. Auch wenn sie kein Dampfhammer ist, steht sie, vielleicht gerade durch ihre Einzigartigkeit, in der heutigen Motorradangebotslandschaft wie eine blühende Mohnblume in der Gänseblumenwiese.

Abschließend sei bemerkt, dass mir die Sachs Roadster 800 durch ihre Agilität und Leichtfüßigkeit trotz eisiger Testtemperaturen jede Menge Spaß bereitet hat.

 

Stand: 14.04.2001

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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