Ralf Kistner

Nürnbergs "sachs machine"

 

 

 

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:Technische Daten:
Motor:    1Zyl. Viertakt, OHC, 4 Ventile,     1 Ausgleichswelle, Kipphebel
Vergaser:     32 mm Mikuni Doppelvergaser
Hubraum:    650 ccm
Leistung:    50 PS bei 6800 Umin (oder 34  PS)
Drehmoment: 56 NM bei 6200 Umin
Getriebe:     5 Gänge, Kettenantrieb
Fahrwerk: 41 mm Telegabel;                  Zweiarmschwinge aus Stahl; 2              Federbeine; Federbasis    verstellbar
Bremsen:    vo. 320 mm Scheibe mit              Vierkolbensattel; hinten 220 mm mit Einkolbensattel;
Radstand:  1490 mm
Federweg:  vo/hi 120/120 mm
Sitzhöhe:  780 mm
Wendekreis: 5720 mm
Leergewicht: vollgetankt 169 kg
Zuladung:  187 kg
Tank:  20 Liter (3 Liter Reserve)

2 Jahre Garantie ohne km-Begrenzung
Farben:    Aubergine, Stahlblau, Schwarz


sa_howa.jpg (22378 Byte) 

Heute ist Eintopf angesagt. Keiner der traditionellen alten Küche, sondern einer der nouvelle Cuisine mit Stimulation mehrerer Sinnesebenen. Die internationalen Zutaten sind mit Bedacht gewählt und von vorzüglicher Qualität. Die Zusammenstellung des fertigen Schmankerls geschah in Nürnberg in der ehemaligen Versuchsabteilung von Herkules, die Montage in einer ehemaligen Lagerhalle. Klar, dass auch die Mannschaft nicht mehr die alte ist. Man ist entschlossen, gegen das 70er Jahre Moped-Image anzukämpfen und der Welt auch großvolumige Delikatessen anzubieten.

In unserem Fall steht auf dem Sachs-Motor Sachs drauf, obwohl Sachs nicht drin ist. Unsere Basiszutat stammt von Suzuki aus der Freewind. Doppelschleifenrahmen drumrum aus Stahlrohr (allerdings mit Schweißnähten, die Fritzchen in der ersten Woche seines Schweißerlehrgangs fast besser hingekriegt hätte) , eine 41er Paioli-Telegabel und perfekte Sachs-Federbeine für die Doppelarmkastenschwinge hinten, dazu eine bequeme Sitzbank und ein dem Durst angemessener 20 Liter Kunststofftank, schon kann der Eintopf als Grundlage für einfachen Biker-Genuss durchgehen.

Aber halt, da fehlen beim Abschmecken noch einige würzige Details, die das ordinäre Bike zur Sachs Roadster 650 machen.
Da wären die Bremsen zu nennen. Vorne zwingt ein Grimeca-Vierkolbensattel die rotierende 320 mm Scheibe zum Stillstand, hinten ein Einkolbensattel eine 220er Scheibe.

Was der Tabasco fürs Chilli, ist der Lafranconi-Auspuff für die Sachs. Er verleiht der Zutatenmischung jene Vollmundigkeit, wie sie jedes zu spontanen Emotionen fähige Bikerherz schneller schlagen läßt. Denn das Ohr ißt schließlich mit. Ähnlich einer Hardenduro macht sich das glänzende Endrohr zum lauthals bullernden Sprachrohr des Einzylinders. Man meint, es wolle der ganzen Welt dessen Agilität und Lauffreude mitteilen. Selbst der TüV und das Kraftfahrtbundesamt schienen von der Partitur der PS-Synphonie so angetan gewesen zu sein, dass die Erteilung der ABE für den phonstarken Newcomer zur Selbstverständlichkeit wurde.

Für den visuellen Genuss gestalteten die Nürnberger die Roadster 650 in zeitlosem Naked-bike-Stil. Die Maschine wirkt in sich komplett und rund. Nichts sticht besonders hervor, obwohl genügend Details besonders sehenswert erscheinen. Beispielsweise wirken die weißunterlegten und in Chrom gefassten Instrumente edel und fast ein wenig italienisch. Dezent und sachsy ist das sich zu einer kleinen Rundung

sa_heck.jpg (21926 Byte)  verjüngende Heck,das zudem in luftiger Höhe weit über demHinterrad thront. Erscheint der Vorderbau kompakt, bietet das Heck dem Betrachter und Genießer Durchblick. Leichtfüßige 170 kg vollgetanktes Lightgewicht sind der Roadster anzusehen. Sie wirkt, mit Verlaub, neben der 125er Sachs Roadster, in keinster Weise größer oder schwerer.

Meinen Appetit auf den Sachs-Eintopf konnte Andreas Schilling in Wilburgstetten endlich stillen. Gesehen hatte ich die Maschine schon öfter. Die Erscheinung ließ jedesmal Phantasien von kleinen Landstraßen aufkeimen, auf denen ich mich mit dem Single ohne viel Aufwand so richtig austobte. Keine perfekte Fahrmaschine, sondern ein lebendiges Motorrad mit spürbarem - und vor allem hörbarem - Herzschlag bekam ich da vollgetankt überreicht. Und es war nach Auskunft des Mechanikers die überhaupt erste ausgelieferte Roadster 650. Mit Stolz geschwellter Brust verließ ich den Hof des Motorradhauses und begab mich gleich ins Landstraßengewirr Richtung Hahnenkamm.

Die kleinen und mit vielen Kurven versehen Sträßlein sollten das richtige Terrain für den Eintopfgenuss sein. Schon die ersten Biegungen bestätigten meine Eindrücke.
Ohne wenn und aber folgte die Sachs genau der Linie, die ich einschlug. Einlenken passierte fast von selbst. Keine Fahrwerksunruhe, kein Stempeln oder Wackeln, sondern einfach nur rein und rum um die Kurve.

Schnell faßte ich Vertrauen in die Sachs und ließ sie immer schräger kommen. Die Bremsen verliehen mir ein Gefühl von absoluter Sicherheit. Vorne reichten stets 2 Finger am etwas weit abstehenden Hebel. Die Bremsleistung war hervorragend bissig, die Dosierung äußerst fein und klar. Es waren dann auch die Bremsen, die in Aktion die zu weiche Vordergabel merklich verzogen, zudem auch noch zusammenschoben wie Jan Ulrich seine Luftpumpe. Ein Gefühl der Verunsicherung kam trotzdem nicht auf. Es geschah so, aber es geschah ohne Durchschlagen oder sonstige negativen Nebenwirkungen. „Härteres“ Gabelöl kann dem, den es stört, Linderung bringen.
Hinten sorgten straff abgestimmte Federbeine für perfekten Halt auf der Straße. Als Zugabe reichten die Köche dem Eintopf ein beachtliches Schluckvermögen von Bodenunebenheiten. Nur wirklich tiefe Wellen meldeten die Beine dem Rückrat weiter. Auf mich wirkte das Fahrwerkskonzept sportlich und komfortabel zugleich. Ich konnte nichts entdecken, das dieses Fahrwerk aus der Ruhe brachte. Das unterstrich die Realisierung meiner Phantasien. Wer das Bike fährt, hat eindeutig den zur Bikegestalt gewordenen Spaß unter dem Hintern.

Und nicht vergessen! Den Spaß würzt der Sound des Eintopfs, so dass der Genussfaktor bei der Fahrt auf allen Sinnesebenen weit in Richtung Maximum tendiert.

Nicht sehen statt hören, nicht hören statt fahren, nicht fahren statt hören, nein - alles zusammen bis das leere Spritfaß der Tollerei ein vorzeitiges Ende setzt. Bei 20 l Tankinhalt, wovon 3 Liter als Reserve dienen, kann der Spaßritt dann schon gute 360 km weit werden. Besser, man wacht früher auf, denn zurück muss man ja oft auch wieder. Nicht, dass das keinen Spaß mehr machen dürfte, denn die Sitzbank ist für den Fahrer langstreckengeeignet. Zudem läßt die Sitzposition mit mäßigem Kniewinkel eine entspannte Haltung zu. Aber irgendwann ist halt mal jeder Tag zu Ende.

Ich bin mir sicher, dass sich jeder, der mit der Sachs einen Ausritt wagt, vom fast ideal abgeschmeckten Eintopf angetan sein wird. Den wohligen Nachgeschmack einer Delikatesse wird er noch einige Zeit in sich spüren.

Potentielle Käufer bekommen neben garantiertem Fahrspaß zudem ein gut ausgestattetes Bike für ihre 12.495.- DM geboten. Die Instrumente sind ok, zudem hat sie neben dem Seiten- auch einen Hauptständer, der zum Aufbocken wunderbar übersetzt ist. Aufgrund ihrer Sitzhöhe von 76 cm taugt sie sicherlich als Einsteiger- oder Fahrschulbike. Ebenso werden nicht allzu groß gewachsene Mitmenschen sicheren Fußkontakt mit dem Boden verspüren.

Bleibt abzuwarten, wie sich die sachs machine in neuer Marktnische behaupten wird. Ich wünsche ihr dazu alles Gute.

sa_instr.jpg (16225 Byte)                       

Stand: 21.05.2000