Ralf Kistner










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Fahrbericht MV Agusta Brutale 1090

Text: Ralf Kistner
Fotos: Ralf Kistner, M. Kätker





Sie ist schön. Sie hat Leidenschaft. Sie sprüht vor Erotik. Sie kann einen in ihren Bann ziehen, wenn er noch lebt. Sie heißt MV Agusta, MV Agusta Brutale 1090 RR.

Schon der Name geht runter wie Öl. Sie hat ältere Geschwister, die mit ihrem Erscheinen schon für Furore sorgten. Und sie waren wirklich brutal. Die letzte Hardcore-Brutale war die 1078er.

Die Aktuelle kleidet sich ähnlich wie die Vorgängerin, hat jedoch zu 85 % veränderte Teile bekommen. Schön, dass man Schönes nicht durch Innovationen kaputtstylen muss. Schön, dass die Brutale wie ein Corporate Design auf den ersten Blick wieder erkennbar bleiben darf.


Was macht sie so schön? Es ist die klare Linie mit scheinbar unzähligen optischen Wow-Effekten. Die Brutale scheint auf das Notwendigste reduziert zu sein. Sie wirkt wie ein einfaches Naked-Bike mit kurzem Radstand, das forsches Kurvenwedeln zu einem Genuss werden lässt. Unterstrichen wird das Design durch viele technische Nettigkeiten und einer hervorragenden Verarbeitungsqualität. Ein handgeschweißter Gitterrohrrahmen mit Schweißnähten aus der hohen Meisterschule, wunderschöne Schmiederäder mit kleinen Aufdrucken für Drehrichtung oder Luftdruck. Der Lenker wird von einer edlen Scharnierklemmung mit Aufdruck gehalten. Fußrasten wie Brems- bzw. Schalthebel sind per Exzenter einstellbar.

Betrachte ich sie von vorne oder hinten, fällt die schmale Linie mit einer supersportlerähnlichen Schräglagenfreiheit ins Auge. Alles bleibt eng am Motorrad verbaut. Die beiden im Vergleich zur 1078er Brutale verlängerten aber schmalen Auspüffe schmiegen sich hinter den Soziusrasten ans Motorrad.

Die Instrumente sind bis auf die Kontrollleuchten gut ablesbar. Sie informieren umfassend und deuten auf weitere technische Schmankerln hin. So kann ich zwischen einem Sport- und einem Normalmodus wählen. Der Sportmodus lässt die MV sehr direkt am Gas hängen. Im Normalmodus geht es sanfter zu. Ich bleibe im Sportmodus und möchte die MV richtig auskosten.

Oliver Dürr von Motorrad Dürr in Kleinerdlingen bei Nördlingen (www.motorrad-duerr.de) stellte mir das Sahnestück für die Testfahrten zur Verfügung. Er übergab mir die Maschine mit viel verheißendem Grinsen. Die MV Agusta Brutale 1090 RR kann dort ebenso wie die 2010er F4, Probe gefahren werden. Daneben stehen noch aktuelle Modelle von Aprilia, Husqvarna und Benelli für Testfahrten bereit. Da lohnt es sich immer, vorbei zu schauen.

Dann endlich – der Druck auf den Startknopf. Ohne Murren beginnt der Reihenvierzylinder mit bassigem Unterton mit nur leicht erhöhter Kaltlaufdrehzahl zu arbeiten. Er läuft gleichmäßig, macht aber im Leerlauf schon durch eine aggressive Note im Sound auf seinen Charakter aufmerksam. Hier säuselt nichts. Es ist der unumwundene Aufruf zur Sünde.



Aufsitzen. Die Ergonomie passt. Leicht nach vorne gebeugt nehme ich eine fahraktive Sitzhaltung ein. Die Kniewinkel sind sehr sportlich spitz. Ansonsten passt alles. Erster Gang rein. Leichtes Zucken im Kupplungshebel weißt auf die Anti-Hopping-Kupplung hin.
Oliver erklärt mir noch kurz vor meiner nun mit Ungeduld herbeigesehnten Testfahrt, dass die neue Brutale mit einer 8-stufigen Traktionskontrolle ausgestattet ist.

Endlich fahren. Im Standgas schiebt mich die Brutale kraftvoll vom Hof. Ich fahre erst Mal tanken und fülle das 20-Liter-Fass bis an den Rand. Und dann wird es Zeit, die Brutale laufen zu lassen. Ich steuere die Strecken um Christgarten an. Enge wie weite Kurvenradien lassen mich die Brutale erfühlen, ständig begleitet von einem mit steigender Drehzahl anwachsenden brüllenden Sound. Genial, wie sie am Gas hängt. Diese Direktheit erlebt man selten. Jeder Millimeter, die ich den Gaszug spanne, scheint den Vorschub doppelt proportional zu erhöhen. Jedoch bleibe ich von überraschenden Beschleunigungsattacken verschont. Da ist den Jungs bei MV Agusta eine wunderbare Abstimmung gelungen. Ich habe direkten Vorschub satt, habe aber auch immer alles genau in der Hand. Überraschungen ausgeschlossen. Wow.

Und wie sie schiebt. Die Zahlen alleine (115 NM bei 8000 Umin, 144 PS bei 10600 Umin) können die Art, wie das Triebwerk arbeitet, gar nicht ausdrücken. Wenn ich mir jedoch die fast linealgerade Drehmomentkurve ansehe, verstehe ich, was ich gerade erlebe:
Ohne Hänger, direkt und eindeutig gibt es für die MV beim Gas geben nur eine Handlungsoption: mit geballter Kraft schnurgerade auf den Drehzahlzenit stürmen und dabei mit der Klangsymphonie eines sportlich-aggressiven Soundorchesters für den Rausch aller Sinne zu sorgen. Sie ist die Eva, der zur Sünde verleitet, ohne jedoch dabei das Paradies der Kurvenwindungen verlassen zu müssen. Dies kann lediglich durch amtlich erstellte Fotografien passieren, wenn man dem Ruf der Verführung dauerhaft nicht widerstehen kann. Und ganz ehrlich – wer nur einen Hauch von Leidenschaft in sich verspürt, wird sich diesem Lustobjekt nicht entziehen können.

Ich ziehe meine Bahnen, bin unterwegs zur Fotolocation. 50 flotte Kilometer mit sportlicher Gangart. Dafür scheint die 1090er Brutale geschaffen worden zu sein. Pfeildirekt nimmt sie meine Linie an. Mit Leichtigkeit werfe ich sie in engen Kurvenkombinationen trotz eines 190er Hinterreifens von einer in die andere Richtung. Zu keinem Moment spüre ich die doch 214 kg fahrfertiges Leergewicht. Das fühlt sich 50 kg leichter an. Und ich merke, wie ich beim Nutzen der Gänge in die gewohnte Fahrweise meiner 1100er Honda XX verfalle. Ich schalte oft sehr früh hoch und bewege mich meist im 6. Gang. Der Unterschied zu meiner 1100er CBR liegt in der Umsetzung der Gasbefehle. Die MV schiebt auch im 6. Gang aus jeder Drehzahl noch so gewaltig an, dass ich immer auf der Suche nach dem 7. Gang bin. Die Ganganzeige lässt jedoch keinen Zweifel daran, dass der höchste Gang bereits eingelegt ist.

An der Stelle des Fotoshootings komme ich viel zu früh an. Die Zeit dorthin hab ich länger eingeschätzt. Also mach ich mich daran, die Reifen richtig warm zu fahren und mich mit der MV an die z.T. sehr schnellen Kurven zu gewöhnen. Schon fahre ich die Brutale wie auf der Rennstrecke. Kurz vor der Kurve hart runterbremsen, umlegen, und wieder hart ans Gas in den unteren Gängen. Mein Grinsen im Helm verbindet inzwischen beide Ohren. Geht das Ding ab, schiebt die brutal los. Ab 6000 Umin kommt noch mal zusätzlich Feuer ans Dunlop bereifte Hinterrad. Sie brüllt ihre Lauflust in die Hügellandschaft, fleht um Drehzahl, will sprinten. Kurz vor der nächsten Rechts wieder hart anbremsen. Genial, wie die Brembos feinfühlig dosierbar, aber auch brachial Tempo fressen. Wieder hartes Ablegen in tiefe Schräglage. Die Brutale bleibt stoisch auf meiner anvisierten Linie. Das Fahrwerk ist mir hinten zu weich abgestimmt. Die Werkseinstellung der voll einstellbaren USD-Gabel passt.
Mit ein paar Klicks ändere ich die Druckstufe am voll einstellbaren Sachs-Federbein. Ich kann sogar bei der Druckstufe unterscheiden in Lowspeed und Highspeed.

Wieder auf die Piste. Jetzt passt alles. Obwohl ich die MV Agusta Brutale 1090 RR supersportlich bewegen kann, filtert sie bei der Fahrwerkseinstellung komfortabel ein Gros an Unebenheiten weg und liegt trotzdem stabil wie eine Rennmaschine. Inzwischen sind die Reifen heiß bis in die Flanken. In einigen Kurven hat die Brutale den hinteren Dunlop einige schwarze Striche malen lassen. Und beim harten Rausbeschleunigen schaut das Vorderrad gerne mal in den Himmel. Dank wirkungsvollem Lenkungsdämpfer bleiben Kick-backs aus. Der Lenker bleibt ruhig. Alles kein Problem. Alles bleibt trotz gieriger Fahrweise entspannt. Nur der Sinnesrausch unterstützt aus stets präsentem tief-bassigen Ansauggeräusch und mächtigem Auspuffbrüllen lässt nicht nach. Wie soll man das legal überstehen?


Vor lauter Schwärmerei vergesse ich hier ganz, den Rest der Maschine zu beschreiben. Schließlich kann die Brutale nicht nur brutal, sondern auch sanft. Jetzt mit Ausgleichswelle versehen, läuft die Brutale im Vergleich zur 1078er spürbar vibrationsärmer. Sie ist kürzer übersetzt auf 253 Km/h Vmax. Frühes Hochschalten und Sightseeing-Touren kann ohne Problem auch ein Fahrmodus sein – wenn man es denn will und aushält. Im eingeschalteten Normalmapping geht sie weicher ans Gas. Sicher ein Vorteil bei Stadtfahrten und im Langsamfahrbetrieb. Und drücke ich zweimal auf den Anlassknopf, bin ich wieder im Sportmapping gelandet.

Bei meinen tiefflugartigen Testfahrten nahm sich die 1090er Brutale knapp 10 Liter zur Brust. Ich denke jedoch, dass bei einer nicht so forcierten Fahrweise 2 Liter weniger drin sind.

Zu meckern gibt es kaum etwas. Die Fußrasten bieten nicht immer richtig guten Halt. Die Abgerundeten Enden lassen meinen Stiefel ab und zu abrutschen. Der zweite Gang springt ab und zu gleich nach dem Schalten in den Leerlauf. Die Kupplung bedarf erhöhter Handkraft. Und dann war es das mit Testergemecker.

Fazit:
Wieder hat MV Agusta mit der Brutale 1090 RR bewiesen, dass sie nach wie vor leidenschaftliche Edelmotorräder bauen können. Diese Brutale ist eine perfekte Spaß- und Fahrmaschine, die jeden auch noch so leicht zur Unvernunft neigenden Fahrer in einen ungeahnten Rausch bringen kann. Sie ist ein gieriges Lust- und Spaßobjekt, aber dennoch ausgewogen und ohne Allüren. Sie hat eine sehr umfangreiche Ausstattung und glänzt mit hervorragender Qualität. Und sie lässt sich mit € 18500.- teuer bezahlen – obwohl sie meiner Meinung nach jeden Euro wert ist.