Ralf Kistner
Löpsingen
Hintere Angerstraße 5
86720 Nördlingen

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Fahrbericht Moto Guzzi Jackal 1100

TotaleWie in der Mode im Textilbereich scheint nun auch die Motorradindustrie sich auf stilistische Details der 50er Jahre zurückzubesinnen. Die Motorräder damals waren im Design klar. Auf unnötigen Zierrat und technisches Zuviel wurde verzichtet. Mit der Moto Guzzi California Jackal stellten die Jungs aus Mandello del Lario ein Motorrad auf die Beine, das diesen Kriterien entspricht. Die Jackal besticht durch eine saubere Linie, die sich in allen Details wieder findet: harmonische Rundungen von vorne bis hinten. Ich finde das Motorrad schlichtweg schön. Nichts außer dem bulligen Vau-Zwo sticht besonders heraus. Egal aus welcher Perspektive - das Auge wird sanft umschmeichelt. Gott sei dank fehlen reißerische Aufkleber mit Hinweisen auf die Anzahl der Ventile und wer die verbauten Zündkerzen lieferte.

Für Verfeinerungen hat Moto Guzzi mehr als 40 Zubehörkomponenten parat, so daß man sich seine Jackal optisch wie funktional individuell gestalten kann. Das angebotene Windschild sollte, wenn möglich, vor dem Kauf probegefahren werden, denn mit meinen 182 cm Lebensgröße hatte ich hinter dem Schild mit mächtigen Verwirbelungen im Helmbereich zu kämpfen, so daß ich mir die Scheibe wieder demontieren ließ.

Meine Testmaschine holte ich in Bechhofen von der Fa. “InTeam Motorradladen” in der Ansbacher Str. 77 ab. Der Inhaber Reinhard Bergmann wies mich gleich bei der Übergabe darauf hin, daß die Jackal im leichten Schiebebetrieb deutlich ruckelt und in den Luftfilter “spotzt”. Dies lasse sich auf eine zu magere Gemischeinstellung für diesen Drehzahlbereich zurückführen, die er mittels entsprechender Software in seiner Fachwerkstatt jedoch mit geringem Aufwand regulieren kann. Abgesehen von diesem Schönheitsfehler zeigte der bullige 1100er, daß er Kraft aus dem Vollen schöpft. Sattes Drehmoment steht kurz über Standgas zur Verfügung. Drum können die Gänge 4 und 5 problemlos als Dauerfahrstufen die Schaltfaulheit und Bequemlichkeit mancher Zeitgenossen unterstützen.
Daß Leistung für die Guzzi kein Fremdwort ist, stellt sie bei jeder Aufforderung durch den Dreh am Gasgriff sofort unter Beweis. Schüttelnd und laut, aus beiden schlank geformten Endrohren bullernd, packt der Guzzitwin bärenstark an und treibt Krad mit Ladung mühelos und ohne Leistungsloch bis an den Begrenzer schubstark voran. Der fehlende Drehzahlmesser fehlte eigentlich gar nicht. Das tiefe Poltern aus den Chromrohren war für mich auch beim auftretenden Sturm höherer Geschwindigkeiten gut wahrnehmbar. So konnte ich die Guzzi problemlos nach Gehör fahren. Wer’s schon probierte, wird dem Sound verfallen sein. No bass - no fun. Cruisen nach California Art eben. Laut und bequem. Ein Festival der Sinne.

mgdraufs.jpg (25622 Byte)Für das Promenieren vor einschlägigen Eis- und Stadtcafes ist das Fahrwerk eindeutig unterfordert. Italienisch straff, auf holprigen Straßen hinten schon fast hart, bietet es gute Voraussetzungen zum Ausleben cruiseruntypisch-sportlicher Fahrambitionen. Hoch montierte Fußrasten setzen der Lust an Schräglagen keine Grenzen. Selbst mit besetztem Soziussitz zieht die Maschine sauber ihren Strich. Leicht einzulenken, behält sie die gewählte Linie. Der Rahmen verbiegt sich nicht. Bodenwellen haben der Jackal in schnell gefahrenen Kurven nichts an. Flickwerk deutscher Straßenbaukunst ignoriert sie klugerweise. Zu arge Bodensenken führten im Soziusbetrieb allerdings manchmal die hinteren Federn über die Grenzen ihrer Möglichkeiten. Der Bock ging dann auf Block. Ungefedert erhielt vor allem die Sozia dann entsprechende Rückmeldung direkt ans Rückgrat weitergeleitet. Bei Soziusdauereinsatz ist der Austausch gegen Federbeine der Zubehörindustrie ratsam.
Technische i-Tüpferl sind der serienmäßig verbaute Lenkungsdämpfer und der Gabelstabi, die sicherlich für die Ruhe im Fahrwerk mitverantwortlich sind und zeigen, daß die Jackal zu mehr als zum Abfahren der Flaniermeilen bestimmt ist.

mginstr.jpg (20445 Byte)Im Gegensatz z.B. zur California Evoluzione besitzt die Jackal kein Integralbremssystem. Vorne und hinten wird getrennt gebremst. Und das mit sehr guter Effektivität. Die Brembostopper sind über jeden Zweifel erhaben. Gut dosierbar beißen die vorderen Beläge, eindeutig motiviert durch 4 Kolben, in die schwimmend gelagerte Scheibe und verzögern die Fuhre vorbildlich. Hinten geht’s ebenso effektvoll, jedoch neigte die Bremse zeitweilig zum Blockieren. Nicht dramatisch. Mit entsprechendem Feingefühl im rechten Fuß war’s überhaupt kein Problem, damit zurecht zu kommen.

Die Sitzposition auf der Jackal ist angenehm aufrecht. Der breite Lenker vermittelt gleich das Gefühl, die Maschine im Griff zu haben.Man plaziert sein Hinterteil auf einem sehr bequem anmutenden, weich gepolsterten Sitz. Die Sitzfreude wird leider nach einiger Fahrzeit durch das direkte Zusammenkommen des Hinterteils mit der harten Sitzschale getrübt. Die weiche Polsterung sitzt sich vorne wie hinten durch. Ein Grund mehr, Biergärten und Eiscafes aufzusuchen.Unüberhörbar herannahend wird man mit ungeteilter Aufmerksamkeit anwesender Gäste entschädigt. Schnell ist der schmerzende Po vergessen.
mgadler.jpg (15287 Byte)Beim Eis fällt der Blick dann wieder auf dieses wunderschöne Motorrad, dessen Speichenräder dem stilistischen Retrolook zur Perfektion gereichen. Vergessen die kleinen Schönheitsfehler. Wieder Lust, den 1100er V2 losbullern zu lassen und seinen unermüdlichen Schub zu spüren, dabei die Synphonie kraftvoller Brennraumarbeit im Ohr und das sichere Gefühl, daß die Linie von A nach B mit hohem Genußfaktor untermalt sein wird.

Ein Motorrad für Ästheten, die neben einem ansprechendem Äußeren auch Funktionalität und technische Überschaubarkeit schätzen - eine Guzzi eben.


Stand: 24.09.2001