Ralf Kistner









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Fahrbericht BMW HP2 Sport




Text: Ralf Kistner
Fotos: Ralf Kistner, M. Kätker



Die bajuwarischen Motorradbauer sind immer für eine Überraschung gut. So schob BMW mit der BMW HP2 Sport eine Maschine auf den Markt, die mit sportlichen Hardcoreeigenschaften für maximalen Fahrspaß auf der Landstraße, aber auch auf der Rennstrecke sorgen soll. Meine Testmaschine bewege ich ausschließlich auf der Landstraße.

Ihre Erscheinung erinnert weitgehend an die R 1200 S – weitgehend wohlgemerkt, denn überall entdecke ich Anbauteile aus Karbon oder feinste Fräsarbeiten. Funktionsteile wie die selbst tragende Verkleidung oder der Solohöcker sind ebenfalls aus Kohlefaser. Seitlich betrachtet wirkt die Maschine vorne etwas klobig durch den mächtigen Boxer, hinten fast schon filigran mit viel Blick auf das edle Öhlinsfederbein, die Kardanschwinge und den HP2-blauen Rohrrahmen. Mittig fällt der Blick auf das dominierende Boxeraggregat.

Und ich entdecke radiale Pumpen für die vordere Monoblock-Bremsen und Kupplung. Die Gabelbrücken weisen aufwändige Fräsarbeiten auf. Gut gelungen finde ich das Design des Heckauspuffs. Unscheinbar fügt sich der Underseatdämpfer über dem LED-Rücklicht in die Bürzelbiegung ein.

204 kg Kampfgewicht stehen vollgetankt vor mir. Und es handelt sich um eine BMW-Boxer, von der man eigentlich mehr Gewicht gewohnt ist. Nicht nur optisch wirkt die HP2 Sport vorderradlastig. Real ist das Gewicht mit 105 kg auf das Vorderrad, mit 99 kg auf das Hinterrad verteilt.

Die Sitzposition ist sportlich angenehm – eher tourensportlich. Mit Excentern kann ich die Rasten anpassen. Ebenso sind Fußbrems- und Schalthebel einstellbar. Die Lenkerstummel kann ich leider nur in der Neigung, nicht jedoch in der Höhe anpassen.

Ich schalte die Zündung ein. Auffällig das Multifunktionsdisplay mit einem Race- und einem Normalmodus mit unzähligen Funktionen, auf die ich hier nicht näher eingehe.
Über dem Display befindet sich eine Reihe von LEDs in den Farben grün über gelb bis rot – die Warmfahranzeige. Ein effektives Hilfsmittel, wie ich finde. Wenn ich den Motor kalt starte, leuchten alle LEDs, auf dem Drehzahlmesser zeigt ein Balken die max. Drehzahl an (kalt → 4000 U/min), die gefahren werden soll. Mit steigender Betriebstemperatur erlöschen nach und nach die LEDs, der Balken auf dem Drehzahlmesser wandert in Richtung max. Drezhzahl (bei 9500 U/min). So habe ich eine optische Hilfe, die mir anzeigt, ab wann ich den Motor ohne Bedenken scheuchen kann.

Voluminös bollert der Boxer seine Abgase durch den Sportendtopf nach außen. Schön, dass ein Serienboxer so klingen darf. Diese Klangkulisse kann ich bis ca. 120 km/h genießen. Dann übertönt der Fahrtwind das Klangwerk. Schön, wie der Boxer beim Gasspiel richtig offenherzig hinten raus patscht.

Ich bewege mich raus auf die Landstraße. Schönes Wetter begleitet mich. Die Straßen sind trocken und warm. Ideale Testbedingungen. Mehrfach stoppe ich die BMW und stelle die beiden Öhlins auf meine Bedürfnisse ein. Mit idealem Setup begebe ich mich Richtung Eichstätt. Kleinste engkurvige Straßen wechseln mit breiteren Asphaltbändern und langgezogenen Kurven ab.

Durch den Telelever vorne fühlt sich die Maschine etwas steif an bei langsamer Fahrt. Ich muss mit mehr Druck und Kraft arbeiten, um sie durch enge Kombinationen zu wuchten. Im Vergleich zu einer KTM RC8 ist bei der HP2 Sport arbeiten angesagt. Aber das ist Gewohnheitssache. Schließlich sitze ich auf einem einzigartigen Motorrad. Und ich bin überrascht über die schiere Drehzahlhungrigkeit dieses neu entwickelten Boxers.

Neuer Boxer? Nun, er ist nicht neu erfunden worden. Aber er wurde durch Modifikationen drehzahlagiler und leistungsfähiger im Durchzug. Grund dafür sind je Zylinder 2 obenliegende Nockenwellen, die mit leichten Schlepphebeln radial angeordnete Ventile betätigen. Die radiale Anordnung der Ventile ermöglicht einen Brennraum in Halbkugelform ohne Nischen, in denen sich unverbrannte Gase sammeln können. Die Verbrennung erfolgt dadurch effizienter. Durch die Bauform werden größere Ventile ermöglicht (Einlass: 39 statt 36mm, Auslass 33 statt 31 mm). Das ermöglicht schnellere Gaswechsel. Und statt Doppelzündung klappt es nun mit einer zentralen Zündkerze. Insgesamt baut der Boxer um einige Millimeter schmaler als der Ursprungs-1200er.

Die HP2 Sport hängt sauber am Gas. Lastwechsel zeigt sie mitunter markant vor allem im unteren Drehzahlbereich. Im Durchzug steht der dohc-Motor deutlich linearer als der „normale“ Boxer im Futter. Dieser ärgerte mich bisher gerade im mittleren Drehzahlbereich mit Durchzugslöchern, die beim neuen Boxer eliminiert zu sein scheinen. Nur ganz leicht spüre ich noch einen Durchzugshänger knapp vor 6000 U/min. Ansonsten liefert die HP2 Sport Vorwärtsschub satt.

Ab 2000 U/min drängt sie wie auf der Flucht nach vorne. Ab 6000 U/min scheint sie einen Nachbrenner zu zünden, erreicht bei 7300 U/min ihr maximales Drehmoment von immerhin knapp 114 NM.
Sie schreit nach mehr Gas, will Drehzahlen und fordert offene Drosselklappen bis zum Zenit bei 9500 U/min. Und ich komme aus dem Grinsen nicht mehr heraus, bin begeistert von dem fulminanten Vorwärtsdrang, den diese Maschine auf mein Kommando zu liefern im Stande ist. Der Boxer explodiert förmlich in den Begrenzer hinein.

Geschaltet wird mit Schaltautomat oder normal mit Kupplung. Ehrlich gesagt nutze ich auf der Landstraße den Schaltautomat sehr selten, eher spaßeshalber. Es ist ein tolles Gefühl, bei offenem Gashahn den Schalthebel kurz nach oben anzutippen und einen Wimpernschlag später – nach kurzem Auspuffpatscher – im nächsthöheren Gang weiter mächtig an Tempo zu gewinnen. Für Sprintrennnen sicher eine tolle Einrichtung. Im Alltag – mhh, ich nutze wie gesagt lieber meine gewohnten Schaltvorgänge, vor allem, weil die Unterstützung beim Gangwechsel reibungslos nur bei offenem Gas funktioniert. Im Teillastbereich oder im Schiebebetrieb hakelt alles deutlich.

Wunderbare Verzögerungswerte liefert die Brembo-Bremseinheit. Leider fühlt sich der Druckpunkt etwas schwammig an. Dennoch lässt sie sich wunderbar fein dosieren und packt bei Bedarf vehement zu. Bei heftiger Kurvenhatz mit spät gesetzten Bremspunkten beginnt der Druckpunkt spürbar zu wandern. Der Bremsleistung tut dies jedoch keinen Abbruch.
Das an der Testmaschine verbaute ABS regelt bei solchen Bremsattacken erfreulich spät. Einige Male hebt sich sogar das Hinterrad etwas ab, bis das ABS abregelt. Die Regelintervalle fallen erfreulich kurz aus, sodass kein Bremsweg verloren geht. Eine echte Unterstützung und ein Sicherheitsplus für den sportlichen Landstraßenbetrieb!

Meine Testrunden machen immer mehr Spaß. Ich muss mich an die BMW HP2 Sport etwas gewöhnen. Sie wirkt im Handling etwas steif. Nach einigen Kilometern ist das jedoch kein Thema mehr. Ich packe eben etwas härter zu und lasse sie laufen. Über welligen Belägen fliegt sie mit sportlicher Eleganz. Das Fahrwerk kann ich so fein einstellen, dass die HP2 Sport mir lediglich die deftigen Wellen und Löcher ans Rückgrat weiterleitet. Feine Unebenheiten schluckt sie fast vollkommen weg. So werden die Räder optimal auf dem Boden gehalten – selbst in Schräglagen, in denen die verbauten Metzeler Racetec K3 bis zum Rand ausgenutzt werden.
Bei Passagen mit hohem Sportanteil ruft sich der Kardan immer in Erinnerung zurück, indem er beim Beschleunigen die Hinterhand etwas bockig erscheinen lässt.

Werden die Kurven weiter und schneller, ist der Asphalt glatt, fühlt sich die HP2 Sport zu Hause. Hier kann ich sie satt auspressen und ihr die Sporen geben. Sie hält die von mir gewählte Linie wie eine Schienenbahn und lässt sich durch nichts beirren. Genial. Selbst in sehr hohen Autobahn-Tempobereichen hab ich das Gefühl, dass ich sie in tiefen Schräglagen einhändig fahren könnte. Auch das treibt mir des öfteren ein freches Grinsen ins Gesicht.

Wie bei Supersportlern allgemein sollte man auch beim Sportboxer immer den Tacho im Blick haben. Oft wirkt die gefahrene Geschwindigkeit langsamer als in Realität. Das gefährdet den Führerschein, denn die 133 wilden Pferde treiben uns in knapp über 3 Sekunden über die 100er Marke ohne Halt zu machen. Schneller als oft gedacht liegen die 200 an. Also ist echte Vorsicht angesagt beim Ausritt mit dieser Maschine.

Wer viel Gas gibt, braucht viel Benzin. So muss ich das 16 Liter Fass manchmal öfter als mir lieb ist mit teurem Super Plus füllen. Super geht auch, aber da fehlt der der HP2 Sport im unteren Drehzahlbereich etwas an Durchzug. Und das will ich nicht. Also bekommt sie den Edelsaft, von dem sie sich – je nach Fahrweise – zwischen 5,6 und 8,8 Litern genehmigt. Im Normalbetrieb beim Mitschwimmen im Verkehr wird sie mit ca. 6 Litern betrieben werden können. Aber wer wird eine HP2 Sport normal bewegen können? Wer mag nicht diesen genialen Boxersound beim Hochdrehen hören und spüren wollen? Wer mag mit einem solch tempodominierenden Motorrad mitschwimmen? Die Antwort überlasse ich lieber dem geneigten Leser …

Meckern muss ich leider wegen der Bremsscheiben. Meine Testmaschine hat ca. 1300 Kilometer Fahrleistung hinter sich. „Nicht viel – gerade erst eingefahren.“, werden manche sagen – und ich sehe das auch so. Jedoch scheinen die Bremsscheiben von dem Motorrad bzw. von der Art, wie man es bewegen kann, überfordert zu sein. Sie rubbeln, was sich durch Vibrationen im Bremsgriff bemerkbar macht. Ich weiß von anderen BMW-Modellen, dass dieses Problem ein immer wieder auftretendes Ärgernis ist. Schade, dass man das Problem anscheinend auch bei der HP2 Sport noch nicht im Griff zu haben scheint. Ich konnte darüber auch in Berichten von Testkollegen lesen, die gleiche Erfahrungen machten.

Fazit:
Die BMW HP2 Sport ist einzigartig. Das steht fest. Eine Boxermaschine mit deutlichen Sportgenen, jedoch meiner Meinung nach noch kein Supersportler. Dennoch kann sie ähnlich schnell und sportlich bewegt werden, verlangt dazu aber nach einer starken Hand und etwas geänderter Fahrweise., denn der Kardan möchte in Kurven gerne auf Zug gehalten werden.
Durch sehr viele Edelteile und dem neu entwickelten dohc-Boxer hat man der eher touristisch angelegten BMW R 1200 S sehr viele sportliche Gene eingehaucht, die sie als HP2 Sport eindrucksvoll in Szene setzen kann.

Und der Kaufpreis? Nun, es war schon immer etwas teuer, etwas einzigartiges besitzen zu können. 


Und noch ein paar Bilder mehr ...