Ralf Kistner









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Fahrbericht Aprilia Tuono R



Text: Ralf Kistner
Fotos: Ralf Kistner, Gitte Schöllhorn



Sie war schon immer ein Hingucker - Aprilias Tuono, der Streetfighter mit dem RSV-Mille-Kern. Die aktuelle Version zeigt, dass nichts mehr so blieb, wie es beim ersten Modell war - bis auf den bewährten Aprilia V2.

Sie wirkt nicht mehr so vollschlank, kommt im Design deutlich aggressiver durch den flachen Tank, das hohe Heck mit einzigartigem LED-Rücklicht. Der ultrafette Auspuff der ersten Tuono wich zwei hochgestellten, schön geschweißten Edelstahl-Einzeltöpfen rechts und links. Die auffällige Lenkerverkleidung integriert vier Scheinwerferreflektoren (je zwei für Abblend- und Aufblendlicht), ein feines Windschutzscheibchen und einen gierigen RAM-Air-Schlund.

Meine Testmaschine bekam ich dankenswerterweise von der Firma Warm Up in Aalen zur Verfügung gestellt. Dort können neben den aktuellen Modellen von Aprilia auch die von Kawasaki, Husqvarna, Derbi, Kreidler besichtigt bzw. Probe gefahren werden. Zudem findet man dort immer einzigartige, z.T. preisgekrönte Umbauten.



Ich laufe um die Maschine, die im Stand vor sich hinbullert. Schön, diese exzellente Verarbeitung und die vielen kleinen technischen Details zu betrachten. Die Tuono R ist zwar auch nur ein Motorrad, aber wirklich anders als die anderen.
Mir stechen sofort der edel wirkende polierte Brückenrahmen und die einzigartige Bananenschwinge ins Auge. Die feinen, gleichmäßigen Schweißnähte deuten auf eine sorgfältige Machart bei der Produktion hin. Radial verbaute Brembo-Bremssättel mit je 4 Einzelbelägen bringen den Hauch der Rennstrecke an die Touno. Ein hoher und breiter konifizierter Lenker verspricht gute Handhabung bei gelassener Sitzhaltung. Alle Hebeleien sind einstellbar. Sogar Schalthebel und Bremshebel lassen sich individuell über eine Exzenterverstellung anpassen.

Die Informationszentrale lässt sich per Tippschalter von der linken Hand am Lenker bedienen und zeigt wie bei meiner alten Honda einen ausgeklappten Seitenständer per Leuchtwarnung an. Selbstverständlich fehlt bei der Tuono R nicht der einstellbare Schaltblitz. Der Drehzahlmesser lässt sich analog ablesen.

Mich interessiert, ob die neue Touno immer noch im unteren Drehzahlbereich so unwillig aus den Puschen kommt wie ihre Vorgängerin. Veränderung versprechen ein neues Mapping und 25 mm längere Ansaugtrichter. Spätere Ausfahrten werden bescheinigen, dass die Modifikationen den V2 unter 6000 U/min wachgerüttelt haben. Zudem erfüllt die Tuono R die EURO 3 Norm.

Bis auf die spitzen Knie sitze ich sehr entspannt auf der Aprilia Tuono R. Die Hände fallen automatisch auf die Lenkerenden. Perfekte Ergonomie. Der Knieschluss am Tank passt großartig. Nur in den Spiegeln sehe ich nicht allzu viel. Damit kann ich leben, auch wenn es objektiv gesehen ein Sicherheitsmanko darstellt.

Als ich vom Hof von "Warm up" starte, scheint die Sonne. Es ist Mitte Juni, warm, die Natur präsentiert sich in üppigem Grün. Die Luft überrascht mit immer neuen Gerüchen. Kurz, die Zeit, in der Motorradfahren am genussvollsten sein kann. Ich fahre in die Frühabendsonne und lenke die Tuono R über das Härtsfeld in Richtung Dillingen. Schöne geschwungene Landstraßen, vorbei am Härtsfeldsee und der Burg Katzenstein. Die Tuono R scheint mir wie angegossen zu passen. Wir schlendern gemeinsam und bummeln im Tourentempo durch die Region. Der Motor vibriert dank zweier Ausgleichswellen erfreulich wenig. Dafür schiebt er bereits ab 2000 U/min gut am Gas hängend eindeutig nach vorne, ohne jedoch den Kick zu bringen, den man eigentlich von dem Triebwerk erwarten würde. Nein, er lässt sich Zeit, gibt sich gutmütig, aber kräftig und lässt mich sehr schnell durch die 6 Gänge durchschalten. Ich gleite und genieße die Landschaft. Alles läuft wie von selbst. Nur das Fahrwerk wirkt etwas inhomogen.
Die voll einstellbare Showa-Gabel meldet straff jede noch so kleine Unebenheit an die Hände weiter. Das Sachs-Federbein hingegen scheint durch eine etwas weiche Feder zu arg auf Komfort getrimmt zu sein. Kein Problem, vorne die Druckstufe verringern, hinten die Federvorspannung erhöhen - und schon passt auch das Fahrwerk ideal in meine temporären Genussambitionen hinein.

Es ist so, wie wenn ich die Tuono R schon jahrelang gefahren hätte - nach knapp einer Stunde. Alles wirkt vertraut, auch wenn die serienmäßige Anti-Hopping-Kupplung sich im Kupplungshebel durch Impulse bemerkbar macht. Das kenne ich von diversen anderen Maschinen.

Nächster Tag. Fotoshooting und ausgiebiges Kurvenfeilen sind angesagt. Das Fotoshooting halte ich kurz. Es ist bereits früh am Morgen schon sehr warm. So habe ich nicht die größte Lust, die Showkurven allzu oft zu fahren. Mich zieht es weiter. Ich möchte endlich angasen, meine Lieblingskurven mit der aggressiv aussehenden Tuono genauso aggressiv durchfliegen. Schließlich scheint sie dafür gemacht zu sein.
Ich verabschiede mich von Gitte und ziehe meine Bahnen in Richtung Altmühltal.

Da kommt es plötzlich wieder, als ich die Tuono mehrfach über die 6000 U/min in den unteren Gängen schnalzen lasse: das Grinsen. Ein Zustand, der sich heute nicht mehr ändern wird. Bis 6000 U/min macht die Tuono R Spaß, darüber wird sie zum exklusiven Genuss. Die scheint wie mit einem Kippschalter aktiviert plötzlich zum Drehzahlsüchtling zu mutieren. Sie giert förmlich danach, dass ich ihr durch ausreichend Dreh am Kabel die Sporen gebe und Auslauf schenke. Ich lasse mich nicht lumpen und gebe ihr, wonach sie verlangt. Das sind die Momente, die ich nicht vergessen werde. Die Momente, in denen ich förmlich mit einer Maschine zur Einheit verschmelze und unmoralische Angebote in die Tat umsetze.

Die Tuono R hängt satt am Gas und brilliert mit überraschend wenig Lastwechseln. Das Fahrwerk überzeugt auch bei nichttouristischer Fahrweise durch präzise Zielgenauigkeit und satter Stabilität. Man merkt ihre Herkunft, merkt, dass ein Supersportler im Kern Modell stand. So kann ich mir durchaus vorstellen, auch in Hockenheim richtig schnelle Runden zu drehen mit Aprilias V2-Fighter. Nicht enden wollende Schräglagenfreiheit und in jeder Situation überzeugende Bremsen lassen auf der Landstraße erahnen, wie die Tuono auch auf der Rennstrecke Spaß machen kann.



Ich treffe zwei Bekannte, die mit der aktuellen R 1 und GSX-R 1000 unterwegs sind. Wir beschließen, eine Runde gemeinsam zu drehen und begeben uns in die Hölle von L.A. Eingefleischte wissen, dass der Straßenbelag im unteren bewaldeten Teil nicht sehr griffig und reichlich geflickt ist. Eine gute Gelegenheit, das Zusammenwirken der montierten Michelin Pilot Power mit der Tuono R auszuprobieren. Ich fahre voraus und ziehe zügig meine Bahnen. Im Rückspiegel sehe ich noch einige Zeit die Knie meiner Bekannten am Boden. Nach den Kurven im mittleren Bereich sind die Rückspiegel leer - zeigen nur noch Straße. Die Aprilia verrichtet ihre Arbeit vorzüglich. Zwischen den Kurven im 2. Gang das Gas aufreißen, was das Vorderrad aufgrund der hecklastigen Gewichtsverteilung nach oben schnellen lässt. Zweimal schalten. Dann voll in die Eisen, runterschalten, Touno R einfach ablegen und in satter Schräglage mit leichtem Zug am Gas wieder rausbeschleunigen. Dabei schaue ich, dass ich über 6000 U/min bleibe. So entsteht manch schwarzer Strich.

Das hat etwas vom Fahren mit einer 600er Vierzylindermaschine, nur mit dem Unterschied, dass ich bei der Aprilia im Leistungsbereich richtig satt Kraft zu spüren bekomme und das Ganze obendrauf mit brüllendem V2-Sound untermalt ist. Das bringt jedes Bikerblut in Wallen.
Die Bekannten laufen erstaunt bei einem kurzen Stopp um die Aprilia. Sie sieht anscheinend immer noch nicht nach dem aus, was sie eigentlich ist: Ein Landstraßensportler par excellence. Die beiden können es nicht glauben, dass dieses Nakedbike einen echten Supersportlerkern mit immerhin 133 V2-PS besitzt.

Im Einzelnen wirken alle Komponenten dieses Motorrades ideal ineinander. Die Bremsen lassen sich fast linear fein dosieren und überzeugen bei Bedarf mit Verzögerung satt. Dabei kann man kräftig in die Eisen fassen, ohne Angst haben zu müssen, dass sich gleich das Heck abhebt. Schließlich wirkt sich hier die hecklastige Gewichtsverteilung praktisch und positiv aus.
Der Motor beherrscht nun auch das Bummeltempo und überzeugt über das gesamte Drehzahlband ab 2000 U/min bis zum Begrenzer mit eindeutiger Drehzahlgier ab 6000 U/min. Das Fahrwerk gibt die notwendigen Sicherheitsreserven, dass man die sportlichen Leistungsreserven des V2 ausschöpfen kann. Die linke Hand muss dazu allerdings zur Kupplungsbetätigung kräftig zupacken können. Mit dem breiten Lenker sitzt man erfreulich bequem und hat die Tuono R stets richtig im Griff, um fahraktiv auch mal einem Supersportler das eigenwillige Heck zu zeigen.



An der Tankstelle bekomme ich anhand der Tankrechnung gezeigt, wie ich unterwegs war. So schwankt der Durst der Aprilia Tuono R nach Super bleifrei zwischen knapp 6 Litern und 9,2 Litern pro 100 km. Mit dem 18 Liter fassenden Kunststofftank sind so erträgliche Reichweiten möglich.


Fazit:
Die Aprilia Tuono R ist für jeden Einsatz auf festem Untergrund gerüstet. Ihr Revier ist die Landstraße. Die Rennstrecke braucht sie jedoch nicht meiden, denn in ihr schlummern Sportlergene.
Ich kann sie mir auf Tour ohne Sozia genauso vorstellen wie beim Hausstreckenfeilen. Ohne Sozia, weil die sich aufgrund der sehr hohen Fußrasten sehr schnell unwohl fühlen wird.
Die hochwertige Verarbeitung, der nun über das gesamte Drehzahlband agile Motor, das bestechend stabile und zielsichere Fahrwerk und letztlich die genialen Bremsen machen die Aprilia Tuono R zur absoluten Empfehlung und zum Preis-Leistungs-Tipp. Und das bei 48 Monaten Garantie.

 


Und noch ein paar Fotos . . . .